Teil IV: Der Ernstfall-Ordner: Vorlagen, Checkliste, Krise
Das Krisenkapitel: Erst der Mensch, dann der Vorfall
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Neu in dieser Ausgabe. Es entspricht Karte 12 des Kartensets und gilt über allen anderen Protokollen dieses Buches.
Alles in diesem Buch handelt davon, einen Vorfall richtig zu bearbeiten. Dieses Kapitel handelt von dem Moment, in dem der Vorfall zweitrangig wird, weil es dem Kind selbst so schlecht geht, dass jeder Meldeweg warten muss. Dieser Moment ist seltener als die Angst davor, aber er ist real, und er ist der einzige, in dem Zögern wirklich gefährlich ist.
Die Warnsignale: hinschauen statt hoffen. Rückzug von Freunden, Vereinen, allem, was vorher wichtig war. Sätze wie „es hat eh keinen Sinn”, „bald ist es vorbei”, „ohne mich wäre es leichter”. Das Verschenken wichtiger persönlicher Dinge, Verabschiedungs-Signale. Eine plötzliche, unheimliche Ruhe nach großer Verzweiflung. Starke Selbstabwertung: „Ich bin an allem schuld.” Keines dieser Zeichen ist für sich ein Beweis. Zusammen sind sie ein Grund zu handeln, nicht zu beobachten.
Was du tust, in dieser Reihenfolge. Erstens: ansprechen, ruhig und direkt. „Ich mache mir Sorgen um dich. Wie geht es dir wirklich?” Die verbreitete Angst, direktes Nachfragen könne etwas „auf Ideen bringen”, ist durch die Forschung nicht gedeckt; ruhiges, ernstes Nachfragen entlastet. Zweitens: dableiben. Bei Hinweisen auf akute Gefahr bleibt das Kind nicht allein; deine Präsenz ist die erste Hilfe. Drittens: übergeben, sofort. Schulpsychologischer Dienst, Schulsozialarbeit, Beratungslehrkraft, bei akuter Gefahr der Notruf 112. Die Eltern werden einbezogen, außer ihre Einbeziehung würde das Kind gefährden; das entscheidet dann die Fachebene, nicht du allein. Viertens: dranbleiben. Eine Krise endet nicht mit dem Ende des Vorfalls; die Tage danach gehören zur Fürsorge dazu.
Was du nie tust. Bagatellisieren („so schlimm ist es doch nicht”). Geheimhaltung versprechen. Das Kind bei akuter Gefahr allein lassen. Selbst therapieren wollen; du bist auch hier die Brücke, nicht das Ufer.
Die Nummern, die immer gelten: Notruf 112, TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, auch für dich), Kinder- und Jugendtelefon 116 111.
Du musst das nicht können. Du musst es nur ernst nehmen und übergeben. Das ist genug, und es rettet Leben.
Für die Leitung: Dieser Vorrang gehört in die Ernstfall-Checkliste (siehe unten) und in jede Fortbildung zu diesem Buch. Ein Kollegium, das ihn kennt, verliert im entscheidenden Moment keine Zeit mit der Frage nach der Zuständigkeit.