Teil II: Die zehn Workshops
Workshop 9: Die Kleinsten
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Vorschule und Grundschule: starke Kinder, kluge Erwachsene, ganz ohne Angst-Pädagogik
Hinweis zur Einordnung. Dieses Kapitel richtet sich an Erzieherinnen und Grundschullehrkräfte, und es denkt bewusst anders als der Rest des Buches. Bei Vier- bis Zehnjährigen ist Deepfake-Prävention der falsche Hebel. Hier geht es um zwei Fundamente und nicht darum, Kindern Angst vor der digitalen Welt zu machen: ein starkes Kind und verantwortungsvolle Erwachsene. Denn bei den Kleinsten geht die größte digitale Gefahr oft nicht vom Kind aus, sondern von uns.
Der Weckruf
Elternabend in der Kita. Eine Mutter zeigt strahlend herum, was sie gerade gepostet hat: das Sommerfest, alle Kinder in Badekleidung am Planschbecken, mit Namen in der Bildunterschrift, Standort automatisch mit dabei. „Sind die nicht süß?” Zustimmendes Lächeln. Eine andere ergänzt, sie führe einen kleinen Familien-Account, nur für Freunde, mit täglichen Updates aus dem Leben ihrer Vierjährigen.
Niemand im Raum meint es böse. Alle sind stolze, liebende Eltern. Und trotzdem ist in diesem Moment gerade mehr digitale Gefahr für diese Kinder entstanden als durch jedes Handy, das die Kinder selbst je in die Hand nehmen werden.
Das ist die unbequeme Wahrheit dieses Kapitels: Bei den Kleinsten kommt der Anruf, um es mit dem alten Horrorfilm-Motiv zu sagen, aus dem Inneren des Hauses. Bevor wir Kindern etwas beibringen, müssen wir bei den Erwachsenen anfangen, und bei uns selbst.
Der Befund: Nicht zu früh, aber grundlegend anders
Missverständnis 1: „Dafür sind die noch viel zu klein.” Leider nein. Cybergrooming erreicht schon die Jüngsten: 16 Prozent der unter 14-Jährigen haben es bereits erlebt, oft über Spiele und Chats (LfM NRW, 2025). Und der digitale Fußabdruck beginnt lange vor der ersten bewussten Nutzung, schon vor über zehn Jahren hatten in Industrieländern rund vier von fünf Kindern vor ihrem zweiten Geburtstag eine digitale Spur (Kinderschutz Schweiz). Es ist nicht zu früh. Es hat längst begonnen.
Missverständnis 2: „Dann müssen wir die Kleinen eben aufklären wie die Großen.” Ebenfalls falsch, und schädlich. Einem Fünfjährigen von Deepnudes und Sextortion zu erzählen, erzeugt Angst ohne Handlungsfähigkeit. Bei den Kleinsten wirkt Prävention über Haltung und Beziehung, nicht über Wissen. Man impft ein Kind nicht mit Schrecken. Man stärkt es.
Und jetzt der Befund, der dieses Kapitel trägt, die Zahlen zum Sharenting (aus share und parenting, dem Teilen von Kinderbildern durch Erwachsene). Laut Bitkom-Studie 2024 haben 41 Prozent der Eltern mindestens einmal Fotos ihres Kindes in sozialen Netzwerken geteilt. Nach Erhebungen aus der IT-Sicherheitsbranche sind von vielen Kindern schon vor Schulbeginn Hunderte bis über tausend Bilder im Netz, die exakten Werte schwanken je nach Erhebung, die Größenordnung ist unstrittig. Und hier schließt sich der Kreis zu den schlimmsten Kapiteln dieses Buches: Kinderschutzstellen und die Kriminalpolizei warnen ausdrücklich, dass scheinbar harmlose, süße Kinderbilder von der pädokriminellen Szene konsumiert, in sexualisierte Zusammenhänge gestellt und als frei zugängliches Rohmaterial für KI-generierte Missbrauchsbilder und Sextortion genutzt werden (Kinderschutz Schweiz; Kinderkommission des Deutschen Bundestages, 2025). Das Klassenfoto aus Workshop 6 hatte einen Vorlauf, und der beginnt oft im Familien-Feed.
Der Spiegel: Der Anruf kommt aus dem Inneren des Hauses, auch aus deinem
Die Institution selbst. Führt deine Kita eine WhatsApp-Elterngruppe, in der Fotos vom Ausflug kursieren? Hat deine Grundschule einen Instagram-Account mit dem Einschulungsfoto? Wird das Klassenfoto schnell mal geteilt? Jede dieser gut gemeinten Gewohnheiten legt Rohmaterial an. Die erste Sharenting-Frage richtet sich an die eigene Einrichtung, nicht an die Eltern.
Die eigene Vorbildrolle. Kinder lernen Mediennutzung nicht aus Regeln, sondern aus Beobachtung. Ein Kind, dessen Bezugspersonen ständig am Handy hängen und jeden Moment abfotografieren, lernt genau das als Normalität. Die Fachwelt ist hier deutlich: Erwachsene müssen vorbildhaft handeln (Kinderkommission des Bundestages, 2025).
Die Bequemlichkeit der Verharmlosung. „Ist doch nur ein Bild vom Sandkasten.” Aber gerade Alltagsbilder verraten Gewohnheiten, Wohnort und Umfeld, und lassen sich zu einem Persönlichkeitsprofil verdichten, das ein Kind nie autorisiert hat. Kinder selbst, fragt man sie, finden es überwiegend nicht okay, ungefragt gezeigt zu werden.
Und ganz wichtig, damit dieses Kapitel nicht selbst zur Angstmache wird: Es geht nicht darum, nie wieder ein Foto zu machen. Familien Fotos zu verbieten ist realitätsfern und keine Lösung (SCHAU HIN, zit. nach ZDF, 2025). Es geht um den Unterschied zwischen reflexhaftem Posten und bewusstem Teilen. Diesen Unterschied vorzuleben und weiterzugeben, ist deine Aufgabe.
Das Werkzeug, Track 1: Das Kind stärken (altersgerecht, angstfrei)
Bei den Kleinsten trägt ein Fundament, kein Faktenwissen. Vier Bausteine, alle spielerisch, alle ohne Schrecken.
„Mein Körper gehört mir.” Körperautonomie ist die Basis, die gegen alle Formen sexualisierter Gewalt schützt, analog wie digital. Erprobte, evaluierte Programme gibt es reichlich (z. B. die PETZE-Materialien, Ben und Stella für die Kita). Du musst nichts erfinden.
Das Ja- und Nein-Gefühl. Kinder lernen, ihrem Bauchgefühl zu trauen und „Nein” oder „Stopp” zu sagen, wenn etwas sich falsch anfühlt, die früheste Form der Grenzkompetenz, die später vor Grooming schützt.
Gute und schlechte Geheimnisse. Der vielleicht wichtigste Baustein gegen Grooming: Ein gutes Geheimnis (die Überraschung zum Geburtstag) macht Vorfreude, ein schlechtes Geheimnis macht Bauchweh, und über solche darf, muss man mit einem vertrauten Erwachsenen reden. Geheimhaltung ist die Kernstrategie von Täterinnen und Tätern (Workshop 7), dieser Baustein bricht sie früh.
„Wen kann ich fragen?“ Jedes Kind soll mehrere vertraute Erwachsene benennen können. Du bist eine oder einer davon, die früheste Version des ersten ruhigen Erwachsenen aus Workshop 1.
Dazu eine erste Medienkompetenz, ganz ohne Fachbegriffe: nicht „erkenne den Deepfake”, sondern „nicht alles auf dem Bildschirm ist echt, und wenn dich etwas komisch macht, frag einen Großen”. Das ist die kindgerechte Wurzel des nachfragen statt hinschauen aus Workshop 2. Beim Thema Bildschirmzeit gilt: weniger, begleitet und altersgerecht, und im Zweifel die Empfehlungen der Kinder- und Jugendmedizin heranziehen, statt starre Zahlen zu verordnen.
Das Werkzeug, Track 2: Die Erwachsenen erreichen (der eigentliche Hebel)
Die eigene Einrichtung, eine klare Foto-Regelung. Bevor du Eltern berätst, bring das eigene Haus in Ordnung: schriftliche Einwilligungen, geschlossene Kanäle statt offener Netzwerke, im Zweifel Fotos ohne erkennbare Gesichter, und die Grundregel „im Zweifel nicht posten”. Für den kollegialen Einstieg gibt es fertige Fachkräfte-Materialien wie „Sharing is not Caring” des Deutschen Kinderhilfswerks.
Die Eltern, der bewusste, nicht der verbietende Ton. Der Elternabend zum Sharenting kommt besser ohne erhobenen Zeigefinger (der erzeugt nur Abwehr), dafür mit einer einzigen guten Frage und ein paar konkreten Regeln. Die Leitfrage (nach Kinderschutz Schweiz): „Bringt dieses Bild meinem Kind etwas, oder stillt es nur mein eigenes Bedürfnis?” Die praktischen Regeln: kleiner Verteilerkreis statt offener Netzwerke, keine Nackt-, Bade- oder bloßstellenden Bilder, keine Rückschlüsse auf Wohnort, Kita, Schule, Privatsphäre-Einstellungen prüfen, und mit wachsendem Alter das Kind fragen. Das ehrliche Warum: nicht Panik, sondern der belegte Zusammenhang, dass gerade harmlose Bilder zum Rohmaterial für Missbrauch werden können.
Nützliche, seriöse Anlaufstellen zum Weitergeben: die Kampagne #KindersindkeinContent (klicksafe, SCHAU HIN, BzKJ, UBSKM), der SCHAU-HIN-Foto-Guide und der UBSKM-Podcast einbiszwei. Auch rechtlich lohnt der Hinweis: Kinderbilder unterliegen dem Recht am eigenen Bild, und je nach Inhalt greifen die Paragrafen 184b/c, 201a StGB oder die DSGVO (Workshop 8). Sharenting ist kein rechtsfreier Raum.
Der Bogen: Warum dieses Kapitel das Fundament aller anderen ist
Alles, was in den Workshops 5 bis 8 steht, wurzelt hier. Ein Kind, das früh gelernt hat, seinem Bauchgefühl zu trauen, „Nein” zu sagen und schlechte Geheimnisse zu teilen, ist mit vierzehn nicht plötzlich hilflos. Und ein Klassenfoto, das mit vier Jahren nie ungeschützt ins Netz gestellt wurde, kann mit dreizehn nicht so leicht zum Deepnude werden. Die Kleinsten zu stärken ist keine Nebenlinie des Themas. Es ist die Wurzel.
In einem Satz
Bei den Kleinsten legt man zwei Fundamente statt Angst-Pädagogik und Deepfake-Aufklärung: ein starkes Kind (Körperautonomie, Nein-Gefühl, gute und schlechte Geheimnisse, vertraute Erwachsene) und kluge Erwachsene (bewusstes statt reflexhaftes Teilen), denn die größte digitale Gefahr für ein Vierjähriges geht selten vom Kind aus.
Am Rand notiert (der zynische Kasten)
Es hat etwas fast Komisches, wäre es nicht so ernst, wenn Erwachsene sich in Talkshows über die Gefahren des Internets für unsere Kinder empören und in der Pause ein Foto des schlafenden Nachwuchses in drei Gruppen posten. Wir sorgen uns um den fremden Mann im Chat und laden derweil selbst das komplette Bildarchiv unseres Kindes hoch, versehen mit Namen, Alter und Wohnort, frei Haus für jeden, der es sammeln will. Das ist keine Bosheit, es ist Gedankenlosigkeit mit Herz. Aber Gedankenlosigkeit mit Herz hat schon viel Schaden angerichtet. Die gute Nachricht: Von allen Präventionsmaßnahmen in diesem Buch ist diese die billigste. Sie kostet nichts außer der Sekunde Nachdenken vor dem Teilen-Knopf. Manchmal ist die wirksamste Kinderschutzmaßnahme, das Handy einfach mal in der Tasche zu lassen.
Quellen (Workshop 9)
Landesanstalt für Medien NRW: Studie zu Cybergrooming (2025), 16 Prozent der unter 14-Jährigen betroffen. medienanstalt-nrw.de
Bitkom (2024): 41 Prozent der Eltern haben mindestens einmal Kinderfotos geteilt. zit. nach dr-datenschutz.de
ESET: durchschnittlich ca. 1.500 Bilder eines Kindes im Netz bis zum fünften Geburtstag. eset.com
Kinderschutz Schweiz: digitaler Fußabdruck vieler Kinder vor dem 2. Geburtstag; harmlose Kinderbilder als Rohmaterial für KI-Missbrauchsdarstellungen. kinderschutz.ch
Deutscher Bundestag, Kinderkommission: Fachgespräche „Sharenting und Kinderinfluencer” (November 2025). bundestag.de
Studie „Kinder. Bilder. Rechte.” (Universität zu Köln, Deutsches Kinderhilfswerk). zit. nach klicksafe.de
Kampagne #KindersindkeinContent; Broschüre „Sharing is not Caring” (DKHW); klicksafe „Zu nackt fürs Internet?“. klicksafe.de; kinderrechte.de
ZDF (2025): SCHAU-HIN-Einordnung, Fotoverbot ist keine Lösung. zdfheute.de
Quellen-Ehrlichkeit. Drei Vorbehalte gehören genannt. Die vielzitierte „1.500 Bilder bis fünf”-Zahl ist eine Anbieter-Erhebung (ESET) und kursiert in leicht abweichenden Varianten, belastbar als Größenordnung, nicht als exakter Wert. Der Zusammenhang „Sharenting führt zu KI-Missbrauchsmaterial” ist fachlich gut belegt und von BKA und Kriminalpolizei bestätigt, aber ein Risiko- und Mechanismus-Zusammenhang, keine Quote, er rechtfertigt Vorsicht, nicht Panik. Und die genannten Präventionsprogramme variieren regional in Verfügbarkeit und Aktualität, vor dem Einsatz die jeweils gültige, evaluierte Fassung wählen. Die konkrete Foto-Regelung einer Einrichtung sollte mit Träger und Datenschutz abgestimmt werden.